Lieb und teuer Drucken

Die Leidenschaft für Oldtimer boomt und mit ihr die Preise r automobiles Kulturgut.

Hoeing Porsche
Von  einem, der auszog, einen al
ten

Porsche leichter und sc
hneller zu machen.

Und L
ehrgeld bezahlte

 

Drei Dinge ganz knapp vorweggeschickt.

1. Ein Porsche ist nicht zwingend ein teures oder
lu
xuriöses Auto. Es sei denn, man will einen alten.

2. Wer ein altes Auto kauft, sollte niemandem
ve
rtrauen. Selbst wenn er glaubt, die Weisheit mit
Schöp
flöffeln verspeist zu haben. Es gibt keine
Schnäppchen. Oder sie sind seltener als ein
Lottogewinn.
3. Es gibt nich
ts Schö neres als ein altes Auto.
In meinem Fall heißt das einen betagten Porsche 911
aus der ersten Baureihe
.

 

VON ULF POSCHARDT

 

 

 

Aber vielleicht der Reihe nach. Jahre- und jahr-
zehntelang schien der Erwerb eines Porsche 911 zu-
erst ein kindlicher, dann ein pubertärer und
schl
ießlich ein frühreifer Plan eines jungen Mannes,
der sein erstes selbst ve
rdientes Geld in ein irgend-
wie finanzierbares G-Modell investierte. G-Modelle
sind jene Porsche 911,
die zwischen 1973 und 1989
gebaut w
urden. Es folgten andere, schnellere, luxu-
riösere, teurere. Doch irgendwann hörte das Herz-
rasen auf, obwohl die Autos perfekt waren: beein-
druckend beschleunigten, im Kfz-Schein eine
Höchstgeschwindigke
it von 302 kmjh eingetragen
ha
tten und (obwohl gebraucht & günstig) aussahen
wie aus dem Kata
log geplumpst. Sie erreichten die
Se
ele nicht mehr. Das Herzrasen setzte überra-
schend und üb
erraschend heftig wieder ein beim
Anblick eines G-Mo
dells, also jenes Elfer, mit dem
zj
-jährig das Sportwagenglück begann. Blank po-
liert, schmal und bescheiden stand so einer auf der
.Retro Classics" in Stuttgart. Ein Anblick, der mein
Leben verändern so
llte.

Ein altes Auto kann etwas bieten, was in moder-
nen Zeiten selten wird: Verletzlichkeit, Eleganz und
eine Seele des Gelebten
. Was mit einem 8ger-G-
Modell begann, uferte zur Obsession aus. Es muss-
te auch ein F-Modell her. Also jener Porsche 911, wie
er 1963 auf der IM vorgest
ellt und bis 1973 gebaut
wurde
. Eine gute Wahl, aber eben auch eine teure.
Gut erhaltene Exemplare haben mittlerweile einen
Kilopreis erreich
t, der an Edelmetalle erinnert.
Deswegen reifte der Plan
, einen klapprigen Klassi-
ker zu erwerben, um ihn zu restaurieren. Jeden
Abend wurde mit dem Computer überpr
üft, ob ir-
gendwo auf der Welt mein künftiges F
-Modell an-
geboten wurde. Ich hatte Kontakt mit Sammlern in
Belgien, Schraubern in Anda
lusien, heiteren Dilet-
tant
en aus Süddeutschland, mit wirklich komischen
Leuten. Die ihr Auto anboten, aber sauer waren,
wenn es jemand kaufen wollte. Die nicht verstan
-
den, warum man mehr Fotos, Werkstattrechnungen
und Gutachten gemailt bekommen wollte, bevor
man eine aufwendige Tour zu einer Probefahrt un
-
ternimmt. Kurzum: die menschliche Komödie als
Beiwerk einer mat
erialistischen Suche nach einem
Stück b
lecherner Hochkultur.

Irgendwann im Herbst war es so weit. Obwohl
man es nicht tun sollte, w
urde das Auto unbesehen
gekauft. Es gab eine vage persönliche Verbindung
zum Verkäufer und ein Class
ic-Data-Gutachten.
Der Preis war gut, auf den ersten Blick
. Beim ge-
naueren Betrachten dann, nach Tagen begeis
terter
Nutzung und einer medi
tativen Versunkenheit in
dieses stö
rrische, ruckelige Coupe mit dem diven-
haften Fünfganggetriebe, kam die harte Landung
unter der Hebe
bühne. Die Hebebühne stand in Rel-
lingen bei Hamburg, in einem idyllischen Reetdach-
haus, zugeparkt mit automobilen Kostbarkeiten, ge-
füllt mit Sachverstand. Das Gutachten war Schrott,
das Blech korrod
iert, Ignoranten und Dilettanten
hatten sich an dem Porsche versucht
. Der Mann,
Matthias Höin
g, der aus dem z.z-Liter-Motor mit
den bescheidenen
125 PS ein giftiges Sportgerät
zau
bern sollte, stand kopfschüttelnd neben dem
Blechexperten
. Anstatt loszulegen mit Motor, Fahr-
werk und Bremsen im Sinne eines aufregenden
Hot
-Rod-Projektes, musste das Blechproblem ge-
löst werden. Der wunderbare, legendäre Manfred
Krämer im Allgäu beschwichtigte bei einem Telefo
-
nat, dass alle günstigen F-Modelle derart lädiert
aussehen
. "Es ist eben ein 40 Jahre altes Auto." Bei
Krämer lässt das Porsche
-Museum seine wertvolls-
ten Oldtimer überarbeiten: Er und seine beiden
Söhne sind beeindruckende Perfekt
ionisten. Das
hat seinen
Preis. Für ein Hot-Rod-Projekt (und den
eigenen Ge
ldbeutel) leider keine Option. Hot-Rod-
Freunde in Berlin-Köpenick (hallo, Andre von Sour-
krauts) empfahlen Volker Thie, den .Blechgott" der
Rodder, der das Auto ohne Motor und Getriebe im
Januar auf seinen Hof be
kam. Nachdem er den El-
fer filetiert hatte, gab er Entwarnung. Alles gut: Das
kriegen wir hin
. Aufatmen.

Gefreut hat das auch Matthias Höing, der end-
lich anfangen konnte, den Motor zu zerlegen. Zu-
sammen m
it seinem ehemaligen Kollegen, Mentor
und Freund Torsten Hanenkamp bündelte e
r Kom-
petenz in Sachen Motorverfeinerung
. Spezialisiert
auf luftgek
ühlte Elfer, gilt der italophile, extrem
sympathische Hanenkamp au
ch als einer der bes-
ten Fiat -500- Experten und -Schrauber der Szene.
So stehen sie dann in der Garage friedlich Seit an
S
eit: die winzigen, extrem giftig getunten Fiats und
d
ie ebenfalls minimalistisch zierlichen Urelfer. Der
Grund, warum Oldtimer so beliebt sind und weiter
beliebt werden: weil sie das .Jess is more"
im Auto-
mobilisten
glück reaktivieren. Diese Autos sind ma-
ximal reduziert. Kein Gramm zu viel. Bloßes Filet,
kein Komfortgeschwü
r, keine Blechverwucherung.

Matthias Höing steht für eine neue Autokultur in
Deutschland, die es so bislang nur in
den USA gege-
ben hat. Das Outlaw-Porschetum als Gegenentwurf
zum "Zahnwalt"
-Klischee, welches der Elfer oft ge-
nug geworden war. Früh konnte Höing in den USA
beim Porsche-Rennteam
wichtige Erfahrungen
sammeln, was das Verfeiner
n von eigentlich schon
perfekten Zuffenhau
sener und Weissacher Motor-
delikatessen betraf. Den ents
cheidenden Drall in
seiner Arbeitsbiografie aber brachte die Begegnung
mit Magnus Walker, der
irgendwann bei Höing rein-
schneite
, al
s dieser einen alten Elfer für einen Freund
verkaufen wollte. Der Brite mit den Dreadlocks und
dem Ro
ckstar-Aussehen kam mit einem
Po
rsche-Hot-Rod in Weiß-Blau-Rot, der all den
deutschen, mitunte
r pedantischen Vorstellungen
von Originalität t
rotzte. Porsche, das ahnte der
Skateboarder und Punkrocker Höing, konnte auch
Rebe
llenturn, Subkultur und wilde Kreativität be-
deuten. In Kalifornien hatten Walker und andere
Jun
gs, unter ihnen der Sohn von Steve McQueen,
die
R-Gruppe gegründet, in der leicht modifizierte
alte Elfer für das
elegante Straßenrowdytum in
Gang
-Ausfahrten zusammenfanden. Anfang der
Nulle
rjahre machte Höing die Meisterprüfung in
Deutschland
, um zurück in L.A. zum Leiter der
Pr
üfstandversuche ernannt zu werden. Auf gut
Deutsch: Er war r das Finish von hochgezüchte-
ten Porsche-Rennmotoren zuständig. 2008 kehrte
er nach Deutschland zurück und gründete eine
hoch spezialisierte Einmannboutique für luftge
-
kühlte Boxer. Und weil er ein Kind der Popkultur
ist
, schuf er ein Merchandising wie eine Punkband:

T-Shirts, Badges, Caps. Er drehte Schrauber-Filme,
die
das Zerlegen eines Boxermotors zu einem eroti-
schen Striptease machten und seitdem über
300.000
-mal abgerufen wurden. Höing wird Kult,
als i
hn Magnus Walker als besten Motorenbauer in
Eur
opa lobt und kalifornisehe Porsche-Fans seine
T
-Shirts in Videos tragen. Den bescheidenen Han-
seaten freut das, aber eigentlich geht es um seine
unternehmerische, kulturelle und ölv
erschmierte
Vision: individualistische Kunden mit eigensinni
-
gen, unverwechselbaren Elfer-Oldtimern zu beglü-
cken, die puren, agilsten Fahrspaß garantieren.

Auf dem Couchtisch solcher Kunden stapeln sich
in der Regel die Oldtimer
-Zeitschriften. Die Zeit
hrend der Restaurierung, insbesondere im Win-
ter, wenn Young- und Oldtimer gut eingemottet in
de
r Garage stehen sollten, kann man sich gut mit
dem Schmökern in nerdigen Magazinen und Bü
-
chern vertreiben. Auf den Facebook-Seiten von Hö-
ing, auch in seinem Blog-artigen Tumbir, gibt es je-
de Menge Sehnsuchtsmaterial, das die Vorfreude
a
uf den restaurierten und spürbar kräftigeren Elfer
weiter anwachsen lässt. Aus den 125 PS sollen min-
destens 190 PS werden, Nocken- und Kurbelwellen
werden ausgetauscht
, Doppelvergaser von Weber
eingebaut und viele Kniffe angewandt, um ein le
is-
tungsfähiges und haltbares Triebwerk entstehen zu
lassen, das sich der Tradition des Ursprungs ver-
pflichtet fühlt
, Außen wird man dem Auto sein agi-
les Innenleben kaum ansehen: Er wird ein wenig
t
iefer und kaum merklich breiter dastehen, aber
sich
neben einem aktuellen Kleinwagen aus Korea
oder Fra
nkreich wie ein Spielzeugauto ausmachen.

Die großen deutschen Autohersteller haben nach
langem Zögern erkannt, wie wichtig die Traditions
-
pflege der klassischen Oldtimerfreunde ist, aber
a
uch wie bedeutend die jugendlichen. Subkulturen
sind, die ein
e individuellere Interpretation von
Klassikern versuchen. So wie im modernen Theater
k
lassische Dramen zeitgenössisch interpretiert
wer
den, geschieht dies in den Werkstätten von Hö-
ing, Hanenkamp und Thie. Das Vergnügen, diesen
Han
dwerkern, die eine fast künstlerische Obsessi-
on und Übe
ridentifikation mit ihren metallischen
Gegenständen haben, zuzusehen,
ist ungeheuer. In
Zeiten von Digita
lisierung und Gegenwartsekstase
bekommt Tradition einen avantgardistischen Ges-
tus
. Wie es mit meinem bahiaroten Porsche weiter-
geht, können Sie ab sofort in einem Blog verfolgen
(siehe Kasten)
. Regression ist wichtig für die ge-
stresste Großstadtseele. Sie erlaubt die Rückkehr in
U nbeschwertheiten aus der Kindheit
. Solange an
dem
roten geschraubt wird, bin ich wieder der klei-
ne Junge in der Adventszeit, der auf den Weih-
nachtsmann mit der Carrerabahn wartet. Die Ad-
ventszeit dauert nun schon sechs Monate. Herrlich!